Testamentsauslegung: Was wollte der Erblasser damit sagen?

Andeutungstheorie. Erklärt von Fachanwalt Gerhard Ruby, Spezialist für Erbrecht.

Bei der Auslegung kommt es in erster Linie nicht auf den Wortlaut an. Entscheidend ist, was der Erblasser im Testament ausdrücken wollte. Was wollte der Erblasser mit seinen Worten sagen? Bekanntlich benutzen viele Erblasser in ihrem Testament eine Laiensprache oder gebrauchen – was noch schlimmer ist – die rechtliche Fachsprache falsch. Ob der wirkliche Wille des Erblassers, den er falsch oder missverständlich ausgedrückt hat, zum Tragen kommt, hängt dann von der Auslegung des Testaments ab. Dabei sind bestimmte Auslegungsregeln zu beachten.

Regel 1: Das Testament soll möglichst gelten

§ 2084 BGB Auslegung zugunsten der Wirksamkeit
Lässt der Inhalt einer letztwilligen Verfügung verschiedene Auslegungen zu, so ist im Zweifel diejenige Auslegung vorzuziehen, bei welcher die Verfügung Erfolg haben kann.

 

Wenn ein Testament mehrere Auslegungsmöglichkeiten zulässt, dann ist die Auslegung zu nehmen, bei der das Testament wirksam ist. Das ist der Grundsatz der wohlwollenden Auslegung. Die Juristen nennen ihn auch „favor testamenti“. Hat man zum Beispiel zwei Auslegungsmöglichkeiten ermittelt, von denen, die erste im Testamentswortlaut (Schriftlichkeit des Testaments!) nicht einmal „versteckt“ angedeutet ist, die zweite aber sehr wohl, dann ist die zweite Auslegungsmöglichkeit zu nehmen, wenn offen bleibt, welche der Erblasser wollte („im Zweifel“). Steht hingegen klar fest, dass der Erblasser die erste, formnichtige Auslegungsmöglichkeit wollte, dann ist das Testament in diesem Punkt unwirksam.

Andeutungstheorie

Testamente müssen handschriftlich sein. Es muss also der Wille in schriftlicher Form erklärt werden. Die Form sind die Worte im Testament. Kommt es hier zur Verwendung falscher oder missverständlicher Wörter kann es sein, dass  der ermittelte Wille des Erblassers vom Wortlaut auf keinen Fall mehr gedeckt wird. Die gewählten Worte müssen den wirklichen Willen des Erblassers zumindest andeutungsweise erkennen lassen. Nur dann ist die Schriftform gewahrt. Das ist die berühmte „Andeutungstheorie“ bei der Auslegung von Testamenten. Erst ermittelt man durch Auslegung den Willen des Erblassers. Dann vergleicht man auf der nächsten Stufe, ob dieser Wille im Testament schriftlich zumindest angedeutet ist.

Berühmtes Schulbeispiel

Der Erblasser vermacht in seinem Testament seine „Bibliothek, hat aber nur ein Kochbuch im Haus. Als „Biblitothek“ hatte er aber immer seine Weinsammlung im Keller bezeichnet, wenn er jeden Abend zu seiner Frau sagte: „Ich gehe jetzt noch ein Viertelstündchen in meine Bibliothek“. Die 15 Minuten waren natürlich nicht dem Lesen, sondern einem guten Viertelchen gewidmet. Der Wortlaut Bibliothek deckt zunächst den Willen („Weinsammlung“) nicht. Durch Auslegung, bei der die Witwe befragt wurde, wird schnell klar, dass der Erblasser den Begriff Bibliothek in einem ganz eigenen Sinn, nämlich für seine Weinsammlung benutzte. Damit ist im Testament auch „versteckt“ angedeutet, dass der Erblasser seine Weinsammlung vermachen wollte.

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